Pressemitteilung

Papst in Istanbul: Petrus & Andreas

Von Christof Beckmann (kath.) Wer hat die wildeste Frisur unter allen Aposteln? Sie ist typisch für Andreas, den Fischer vom See Gennesaret, der noch vor seinem Bruder Simon/Petrus zum ersten Apostel wurde. Der 30. November ist sein Tag.

  • 30.11.2025
  • Christof M. Beckmann

INFO: Eigentlich hatte Papst Franziskus diese Reise unternehmen wollen. Nun übernahm sein Nachfolger Leo XIV. die sechstägige Visite in die Türkei und den Libanon, zwei spannende Länder mit unterschiedlichsten Themen. In beiden Ländern sind Treffen mit Bischöfen, Klerikern, Ordensleuten und Seelsorgekräften sowie Vertretern christlicher Gemeinschaften vorgesehen.

Nach dem offiziellen Programm der ersten Apostolischen Reise in die Türkei und den Libanon ist der 1.700. Jahrestag des Konzils von Nizäa Anlass für den Besuch in der Türkei vom 27. bis zum 30. November: Im heutigen Iznik wurde das ökumenische Glaubensbekenntnis formuliert. Papst Franziskus (2013-2025) hatte bereits geplant, zu den Feierlichkeiten zu reisen. In der Türkei wurde Leo nach einem Besuch des Atatürk-Mausoleums im Präsidentenpalast in Ankara empfangen. Eine Besichtigung der weltberühmten Hagia Sophia in Istanbul – die frühere Kathedrale wurde 2020 in eine Moschee umgewidmet – war nicht geplant. Auf dem Programm steanden allerdings ein Besuch der Sultan-Ahmed-Moschee, auch bekannt als Blaue Moschee, sowie der syrisch-orthodoxen Kirche Mor Ephrem. Mit Blick auf das Nizäa-Jubiläum fand am 28. November unter anderem nahe der antiken Basilika Sankt Neophyt in Iznik ein ökumenisches Gebetstreffen statt. Mit dem ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. von Istanbul unterzeichnete Leo XIV. am nächsten Tag eine gemeinsame Erklärung. Am 29. November feierte der Papst eine große Messe in der „Volkswagen Arena“ in Istanbul. Am Sonntag, 30. November, an dem die orthodoxe Kirche das Fest ihres Patrons, des Apostels Andreas, feiert, ist zudem ein Gebetstreffen in der armenisch-apostolischen Kathedrale in Istanbul mit einem Grußwort des Papstes geplant. Anschließend hält er zu diesem Anlass bei einem orthodoxen Gottesdienst in der Patriarchalkirche Sankt Georg eine Ansprache und erteilt gemeinsam mit Patriarch Bartholomaios den Ökumenischen Segen.

Am Nachmittag fliegt er für seinen Aufenthalt vom 30. November bis zum 2. Dezember im Libanon in die Hauptstadt Beirut. Geplant sind ein Besuch im Präsidentenpalast sowie u.a. Begegnungen mit Vertretern von Regierung und Behörden sowie dem Diplomatischen Corps. Am Montag will Papst Leo das Grab des heiligen Charbel im Maroun-Kloster in Annaya besuchen. An eine ökumenische und interreligiöse Begegnung in Beirut schließt sich ein Treffen des Papstes mit jungen Menschen an. Auch stehen Begegnungen mit Vertretern der im Februar neu gewählten Regierung an. Ebenso wird erwartet, dass der Frieden in der Region ein Thema sein wird. Am Dienstag hält Leo XIV. ein stilles Gebet und eine große Heilige Messe an der „Beirut Waterfront“ im Hafen von Beirut, wo 2020 bei einer verheerenden Explosion rund 200 Menschen getötet und viele Gebäude verwüstet wurden. Seine Rückkehr nach Rom ist für den Nachmittag vorgesehen.

„In unitate fidei“: Papst-Schreiben zur Einheit der Christen

Papst Leo XIV. hat in einem Lehrschreiben an die Einheit der Kirchen erinnert und zu Dialog ermutigt. Das am 20. November 2025 veröffentlichte Dokument trägt den Titel „In unitate fidei“ (In der Einheit des Glaubens). „Im Vorfeld meiner Apostolischen Reise in die Türkei möchte ich mit diesem Schreiben die ganze Kirche zu neuem Schwung beim Bekenntnis des Glaubens ermutigen, dessen Wahrheit seit Jahrhunderten das gemeinsame Erbe der Christen darstellt und es verdient, stets in neuer und aktueller Form bekannt und vertieft zu werden“, stellt der Papst dem zehnseitigen Apostolischen Schreiben voraus. „In der Einheit des Glaubens, der seit den Anfängen der Kirche verkündet wird, sind die Christen dazu aufgerufen, einmütig unterwegs zu sein und das empfangene Geschenk mit Liebe und Freude zu bewahren und weiterzugeben.“ Dies komme in den Worten des Glaubensbekenntnisses an Jesus Christus als Sohn Gottes zum Ausdruck, wie es „das Konzil von Nizäa, das erste ökumenische Ereignis in der Geschichte des Christentums, vor 1.700 Jahren formuliert hat.“

Leo XIV. bekräftigt, das Glaubensbekenntnis von Nizäa vereine alle Christen. Es spreche von einem Gott, „der uns nahekommt und uns auf unserem Weg begleitet“. Die Einheit der Christen zu suchen, bedeute „keine Rückkehr-Ökumene zum Zustand vor den Spaltungen, auch keine gegenseitige Anerkennung des aktuellen Status quo der Vielheit von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, sondern vielmehr eine Zukunftsökumene der Versöhnung auf dem Weg des Dialogs, des Austauschs unserer Gaben und geistlichen Schätze“, so der Papst, der auch selbstkritische Töne in Richtung der Christen anschlägt. Sie seien „zumindest mitverantwortlich“ daran, dass der Glaube an Christus heute für viele Menschen unwichtig scheine: „Im Namen Gottes sind Kriege geführt worden, hat man getötet, verfolgt und diskriminiert. Man hat auch, statt den barmherzigen Gott zu verkündigen, von einem rächenden Gott gesprochen, der Angst einflößt und bestraft. Das Glaubensbekenntnis von Nizäa lädt uns also zu einer Gewissenserforschung ein.“ Die Wiederherstellung der Einheit unter den Christen mache „nicht ärmer, vielmehr bereichert sie uns“, so Leo XIV. weiter. Dieses Ansinnen könne „ähnlich wie in Nizäa nur durch einen geduldigen, langen und unter Umständen schwierigen Weg des Hörens und der gegenseitigen Offenheit möglich werden“.

Der ganze Text: Apostolisches Schreiben In unitate fidei zum 1700. Jahrestag des Konzils von Nizäa

Der Ort des Konzils von Nizäa

Wo sich im Jahr 325 rund 140 Kilometer südöstlich vom heutigen Istanbul mehr als 300 Bischöfe zum ersten Ökumenischen Konzil trafen, erinnert nur noch wenig an die ehemalige Größe der Stadt. Izsnik, das alte Nizäa, zählt heute rund 20.000 Einwohner, Christen gibt es dort nicht mehr. Unter den Resten der hellenistischen, römischen, byzantinischen, seldschukischen und osmanischen Zeit zeugen immerhin noch fast ein Dutzend ehemaliger Kirchen von der Zeit, in der die Stadt Gastgeber von gleich zwei der sieben ökumenischen Konzilien war. Der Ort des ersten Konzils ist bis heute ein Rätsel: Nach Forschungen türkischer Archäologen der Uludag-Universität in Bursa ließen Luftaufnahmen der gesunkenen Wasserfläche des Ascanius-Sees die Umrisse einer 800 Quadratmeter großen dreischiffigen Basilika erkennen, die über einem Apollo-Tempel aus dem 2. Jahrhundert und einem älteren Grab des heiligen Neophytos errichtet wurde und Sitzungsort der Konzilsväter gewesen sein könnte. Grund für die Wahl des alten Nizäa sei gewesen, das es eine große christliche Gemeinde gab, näher an der damaligen Reichshauptstadt Nicomedia (heute Izmit) gelegen habe und für die mehrheitlich aus Asien anreisenden Bischöfe leichter zu erreichen war. Die spätere kaiserliche Residenzstadt Konstantinopel, das heutige Istanbul, war noch im Bau.

Vor dem gemeinsamen Besuch von Papst Leo XIV. und dem orthodoxen Patriarchen Bartholomaios I. in Iznik hatte ein Großaufgebot in Iznik der Polizei Reisende und Passanten kontrolliert. Nationalistische Demonstranten hatten bei einer Protestkundgebung in der nahen Provinzhauptstadt Bursa angekündigt, den Papstbesuch in Iznik verhindern zu wollen. Der Papst wolle mit seinem Besuch in Nizäa das gespaltene Christentum einen, um Istanbul – das einstige Konstantinopel – von der Türkischen Republik zurückzuholen, warnte die Bezirksvorsitzende der linksnationalistischen Vaterlandspartei bei einer Protestkundgebung am Sonntag. Die Ökumene, die Einheit der Christen, sei „eine Lüge und ein amerikanisches Komplott“.

Andreas – der „Erstberufene“: Wer hat die wildeste Frisur unter allen Aposteln? Sie ist typisch für Andreas, den Fischer aus Kafarnaum vom See Gennesaret, der – manchmal wird’s vergessen – als „Der Erstberufene“ noch vor seinem Bruder Simon/Petrus zum ersten Apostel wurde. Der 30. November ist sein Tag. Traditionell steht er in der Reihe der Apostel an zweiter Stelle hinter Petrus. Aber was wäre ohne ihn passiert, der zunächst Johannes dem Täufer gefolgt war? Das Johannes-Evangelium vermerkt im 1. Kapitel: „… Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus). Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus).“

An mehreren Stellen ist in den Evangelien von Andreas die Rede und nach Jesu Tod und Auferstehung kam er ziemlich in der Welt herum. Die frühen Überlieferungen verzeichnen ihn als Prediger in Epirus, Kappadokien, am Schwarzen Meer, in Thrakien und den Donauländern, in Makedonien und Achaia, sogar im heutigen Ostanatolien und im westlichen Georgien, in Kurdistan und Armenien. Spätere Traditionen machten den antiken Odysseus zum ersten der Bischöfe und Patriarchen von Konstantinopel. Bartholomäus I., der heutige Erzbischof von Konstantinopel und Ökumenischer Patriarch, gilt als 270. Nachfolger des Apostels Andreas.

Fest steht, dass Andreas um das Jahr 60 zur Zeit von Kaiser Nero im griechischen Patras gekreuzigt wurde. Und hier kommt das deutlichste Symbol ins Spiel: Das Andreaskreuz, an dem man ihn sofort erkennt. Seine Reliquien kamen während des Vierten Kreuzzuges 1203/1204 als Raubgut in die Seerepublik Amalfi am Golf von Salerno, von dort aus erreichte eine Armreliquie über die Stiftskirche von Rees am Niederrhein 1257 die Kirche St. Andreas in Köln, wo sie 1997 ihren Platz im Apostelschrein im Chor der Kirche fand. Herzog Philipp der Guten von Burgund stiftete 1429 unter dem Andreaspatronat den „Orden vom Goldenen Vlies“ und das Andreaskreuz wurde zum Feldzeichen und Emblem von Burgund. Das originale byzantinische Kopfreliquiar ließ Papst Paul VI. 1964 während der 3. Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils als Akt der Ökumene wieder nach Patras überführen. Andreas gilt als Nationalheiliger von Russland, Rumänien und nicht zuletzt von Schottland, wohin Reliquien bereits spätestens im 8. Jh. gekommen sein sollen und das sein Kreuz bekanntermaßen in der Fahne führt.

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Dies ist ein Beitrag der katholischen Redaktion KiP-NRW für das Kirchenmagazin "Himmel & Erde" im NRW-Lokalfunk. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Chefredakteur Dr. Christof M. Beckmann | Redaktion KiP-NRW | 0208 - 46849961 | Mail: beckmann@kip-nrw.de
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