Pressemitteilung

Rassismus: „Wir sitzen alle im selben Boot“

  • 12.04.2026


„Ich bin in einer weißen Kirche groß geworden, in der es Menschen auch immer gut mit mir meinten, aber ich habe immer das Gefühl mitbekommen, ich bin besonders, ich bin anders. (…) Ich hab mich nie – und das wollen Menschen ja eigentlich – 100prozentig zugehörig gefühlt, weil ich immer »die Andere« war.“ So beschreibt Sarah Vecera ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit „ihrer“ Kirche, die sie schließlich auch dazu bewogen haben, ein Buch über das Thema Kirche und Rassismus zu schreiben.

Es trägt den Titel „Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus“, ist im Mai 2022 erschienen und das bislang einzige Buch in deutscher Sprache, das sich mit dieser Thematik beschäftigt. Sarah Vecera ist mit ihrem Buch oft auf Lesereise und hat dabei festgestellt: „Es bringt Menschen ins Nachdenken, einfach die Frage in den Raum zu stellen »Wie ist Jesus weiß geworden?«, weil es ihnen dann wie Schuppen von den Augen fällt: »Ach du je, selbst Jesus ist ja weiß, der war gar nicht so weiß«. Und das ist letztendlich die Spitze des Eisbergs, wenn wir über Rassismus reden, dass wir es geschafft haben, selbst den lieben Gott weiß zu machen.“

Rassismus oft unbewusst

Rassismus kommt nicht immer offen daher, als Beleidigung oder Anfeindung. Er kann sich auch in kleinen, eher unscheinbaren Momenten zeigen, erzählt Sarah Vecera: „Schwarze Männer beschreiben mir häufig, dass sie sehr oft in verängstigte Frauengesichter schauen. Die Menschen, neben die sie sich setzen, halten ihre Handtasche fester.” Sowas passiere meist nicht bewusst, und deshalb mache sie auch niemandem einen Vorwurf: „Wir sitzen alle im selben Boot, wir sind alle rassistisch sozialisiert. Wir denken alle anders über weiße Menschen als über schwarze Menschen – da müssen wir mal ganz ehrlich zu uns sein.”

Sie selbst als Person of Color sei genauso rassistisch sozialisiert, wie weiße Menschen, erzählt Sarah Vecera weiter: „Ich hab Kinderbücher gelesen, Kinderlieder gesungen, Kinderspiele gespielt und Filme geguckt, in denen weiße Menschen die Norm waren und alle anderen Menschen als ‘anders’, als ‘fremd’, als ‘exotisch’ dargestellt wurden.” Vieles davon werde im Alltag nicht hinterfragt, weil die Menschen es nicht anders kennen. „Rassismus ist ein historisch gewachsenes Unterdrückungssystem, das global existiert. Das können wir nicht so schnell aus der Welt räumen.”

Aktuelle Studienergebnisse

Der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) untersucht regelmäßig Ursachen, Ausmaß und Folgen von Rassismus in Deutschland. Der jüngste Bericht wurde am 19. März 2026 veröffentlicht. Drei Fragen standen dabei besonders im Fokus:

  1. Wie verankert ist Rassismus in der Gesellschaft?
  2. Welche Erfahrungen mit Diskriminierung gibt es?
  3. Wie beeinflussen solche Erfahrungen das Vertrauen in Staat und Politik?

Die zentralen Ergebnisse der Studie fasst das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung in einer Pressemitteilung wie folgt zusammen:

  • Mehr als jede dritte Person teilt offen rassistische Einstellungen.
    Annahmen über vermeintlich naturgegebene Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen bleiben weit verbreitet – obwohl sie wissenschaftlich widerlegt sind: Mehr als ein Drittel der Befragten (36 %) stimmt der Aussage zu, es gebe menschliche „Rassen“. Verbreitet sind auch Vorstellungen, die reale soziale Ungleichheiten mit vermeintlichen biologischen Unterschieden erklären. So ist knapp die Hälfte der Befragten der Ansicht, gewisse Gruppen seien „von Natur aus fleißiger“ als andere (48 %). Zwei Drittel (66 %) meinen außerdem, dass bestimmte Kulturen „fortschrittlicher und besser“ seien als andere. Diese Einstellungen finden sich in allen befragten Gruppen.

 

  • Wer rassistische Diskriminierung verharmlost, weist auch häufiger offen rassistische Einstellungen auf.
    Jede*r zehnte Befragte (11 %) ist der Meinung, dass „Diskriminierung von Angehörigen ethnischer oder religiöser Minderheiten kein Problem mehr in Deutschland“ sei. Mehr als ein Viertel (29 %) denkt, dass „Staat und Medien in den letzten Jahren mehr Rücksicht auf ethnische und religiöse Gruppen genommen“ hätten, „als Ihnen zusteht“. Die Zustimmungswerte zu solchen verdeckt rassistischen Aussagen bewegen sich in den NaDiRa-Erhebungen seit 2022 auf einem weitgehend stabilen Niveau. In den Analysen zeigt sich überdies ein Zusammenhang mit offenen rassistischen Einstellungen: Personen, die Diskriminierung gegenüber ethnischen oder religiösen Minderheiten relativieren, deren Gleichstellungsforderungen delegitimieren oder vermeintlich unverdiente Vorteile wahrnehmen, stimmen deutlich häufiger auch explizit rassistischen Aussagen zu.

 

  • Ein Viertel der Schwarzen Personen in Deutschland wird mindestens einmal pro Monat beleidigt, belästigt, bedroht oder angegriffen.
    25 % der Schwarzen und 17 % der muslimischen Personen in Deutschland werden mindestens monatlich offen diskriminiert, etwa durch Beleidigungen und Bedrohungen. 32 % bzw. 33 % berichten von solchen Erlebnissen in den zurückliegenden zwölf Monaten. Noch häufiger sind Angaben zu subtiler Diskriminierung wie unfreundliche Behandlung, ignoriert oder nicht ernst genommen zu werden. Knapp zwei Drittel (63 %) der Schwarzen Befragten berichteten, solche Erfahrungen mindestens monatlich zu machen. Bei nicht rassistisch markierten Personen liegt dieser Anteil bei 26 %. Diskriminierungserfahrungen werden vor allem im öffentlichen Raum gemacht, wobei sich hier Unterschiede zeigen: Mehr als 40 % der Schwarzen und mehr als ein Drittel der muslimischen Befragten geben an, dort in den vergangenen zwölf Monaten Diskriminierung erlebt zu haben. Unter nicht rassistisch markierten Personen liegt der Anteil bei etwa 10 %. In der Gesamtbevölkerung ist der Anteil der Personen mit Diskriminierungserfahrungen zwischen 2024 und 2025 von 41 % auf 32 % gesunken. Dieser Rückgang zeigt sich vor allem bei nicht rassistisch markierten Personen: In dieser Gruppe nimmt der Anteil von 53 % auf 37 % ab. Bei rassistisch markierten Personen hingegen bleibt der Wert fast stabil mit 77 % in 2024 und 73 % in 2025. Damit berichten weiterhin nahezu drei Viertel dieser Gruppe von jüngst gemachten Diskriminierungserfahrungen – gegenüber gut einem Drittel der nicht rassistisch markierten Bevölkerung.

 

  • Mehr als ein Viertel der Bevölkerung hat in den vergangenen zwölf Monaten rassistische Vorfälle beobachtet.
    Menschen sind indirekt von Rassismus betroffen, wenn sie in der Familie, im Freundeskreis oder im beruflichen Kontext von Rassismuserfahrungen hören oder diese selbst beobachten. Nahezu jede dritte befragte Person (30 %) hat solche Berichte in den letzten zwölf Monaten gehört. 28 % haben im gleichen Zeitraum selbst rassistische Vorfälle beobachtet. Die Werte variieren stark nach Gruppen: Während 23 % der nicht rassistisch markierten Befragten angeben, zuletzt von rassistischen Vorfällen in ihrem Umfeld gehört zu haben (beobachtet: 22 %), sind es unter Schwarzen Befragten 59 % (beobachtet: 54 %). Damit zeigen die Daten, dass Diskriminierung auch eine soziale Reichweite entwickelt, die über unmittelbare Betroffenheit hinausgeht.

 

  • Eigene Diskriminierungserfahrungen gehen systematisch mit geringerem Vertrauen in staatliche Institutionen einher.
    Im Zeitverlauf (2022 bis 2025) entwickelt sich das Vertrauen in Polizei, Justiz, Bundesregierung und Politiker*innen zunehmend ungleich zwischen den befragten Gruppen. Während es unter nicht rassistisch markierten Personen weitgehend stabil bleibt, sinkt es in rassistisch markierten Gruppen deutlich – bei muslimischen Befragten um bis zu 27 Prozentpunkte. Personen, die häufig selbst Diskriminierung erfahren, berichten durchgehend niedrigere Vertrauenswerte als Personen ohne solche Erfahrungen. Besonders ausgeprägt ist dieser Zusammenhang unter rassistisch markierten Personen: Je nach Institution beträgt der Abstand zwischen Personen ohne und mit häufiger Diskriminierungserfahrung bis zu 25 Prozentpunkte – etwa beim Vertrauen in die Polizei (90 % gegenüber 65 %) oder in die Bundesregierung (48 % gegenüber 29 %). Diese Tendenz gilt auch für indirekte Rassismuserfahrungen, also Gehörtes oder Beobachtetes: Der Anteil der Personen mit Vertrauen gegenüber der Polizei liegt bei nicht rassistisch markierten Personen ohne solche Erfahrungen bei 92 % und bei 85 % mit entsprechenden Beobachtungen oder Berichten. Bei rassistisch markierten Personen ist der Effekt noch deutlicher.
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